Vorwort

Von der Kunst und ihrem Gegenüber

von Barbara Unterthurner

 

 

Stell dir vor, es ist Kunst und keiner geht hin … Was anfänglich sogar als Überschrift gedacht war, ist nun doch – wohl aufgrund der Plattheit – in den Vorspann gerutscht. Denn im Grunde soll man sich doch an den hohen literarischen Vorbildern und allgemein am Thema der Abgedroschenheit nicht allzu viel reiben. Obwohl: Warum nicht? Denn was ich eigentlich sagen möchte, ist: Was ist, wenn Kunst gemacht wird, und niemand sieht sie mehr? Verstehen Sie mich dabei nicht falsch, Kunst und besonders Kunst der Gegenwart wird gehypt – und wohl auch gesehen. Allerdings nicht immer auf die richtige Weise wahrgenommen. Events wie die Premierentage geben uns Wege zur Kunst vor, die eigentlich nur mehr beschritten werden müssen, um bewusst wahrzunehmen.

 

ZUSAMMENRAUFEN. Die Kunst und auch Festivals wie die Premierentage leben von natürlich ambitionierten Kunstschaffenden, aber auch von Personen, die teilnehmen. Kunst um der Kunst willen, die den Betrachter erfolgreich missachtet, ist ein sehr romantisches Konzept des Kunstmachens und nicht mehr zeitgemäß. In der Gegenwart spielen aber, teilweise auch unglücklicherweise, vor allem das Marketing und das Chichi rund um die glitzernde Kunstszene eine zu wesentliche Rolle. Vernissagen und Events werden zu Sehen-und-gesehen-werden-Szenarien degradiert, sodass die Frage, welcher Künstler denn eigentlich gerade auf der Premiere vorgestellt wurde, nicht mehr von allen Besuchern gänzlich geklärt werden kann. Man wurde gesehen, aber man nahm nicht wahr. Der Faktor Mensch spielt also nicht immer nur die gute Rolle in diesem Theater. Und trotzdem lebt die Kunst, wie auch die Sprache, vom Verhältnis zwischen Sender, Inhalt und Empfänger. Drei Komponenten, die Sprache und auch Kunst erlebbar machen. Fehlt eine der drei, ergeben sich Probleme. Damit es funktioniert, braucht es das Miteinander. So auch in der heimischen Kunstszene: man raffte sich zusammen. 1998 initiierten Elisabeth Thoman und Martin Gostner die Premierentage, so wie wir sie heute kennen. Nach ähnlichen Formaten, die bereits in Innsbruck stattfanden, beschloss das Duo in Anlehnung an ein geistesverwandtes Festival in Köln, die Premierentage nun auch in Innsbruck zu veranstalten. Man suchte nach einem Format, , das sich einer einzigen Bedingung unterwirft: der Premiere. Das Festival hatte Erfolg und somit wurde das Zepter der Leitung von Ausgabe zu Ausgabe weitergegeben an unterschiedlichste Mitgestalter der Innsbrucker Kunstszene.

 

ZUSAMMENSEIN. Inzwischen ist das Format Premierentage volljährig und liegt seit nunmehr drei Jahren in den Händen von Anna Fliri und Charly Walter, die einen großen Anteil am Erwachsenwerdungsprozess beitrugen. Dieses Jahr wird wieder mit einer Vielzahl an Premieren aufgewartet, die gewohntermaßen alle möglichen Gattungen bedienen. Einen roten Faden zwischen den einzelnen Veranstaltungen zu suchen, ist und bleibt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen – eine wenig zielführende Unternehmung. Denn die Premierentage leben von der Heterogenität der Angebote. Jeder findet, was er sucht und auch etwas, das bisher unvermutet war. Der Überraschungsfaktor liegt der Premiere ja zugrunde. Auch in diesem Jahr lässt sich nur erahnen, wo die Überraschung liegt: Vielleicht bei den zarten Arbeiten von Christo in der km0, bei der Neuentdeckung der Werke des großen Paul Flora mit der jungen Zeichnerin Gabriela Oberkofler im Ferdinandeum, bei der Beschäftigung mit Innsbrucker Handwerksbetrieben in der Ausstellung im WEI SRAUM oder beim facettenreichen Rückblick auf 70 Jahre Tiroler Künstlerschaft. Das Programm weckt den Entdeckergeist in uns.

 

ZUSAMMENBLEIBEN. Natürlich arbeiten die Premierentage nicht nur für das Publikum, sondern auch im Auftrag der Kunst. Vor allem für die künstlerische Diversität im Land müssen derartige Formate beibehalten und unterstützt werden. Unterschiedliche Künstler, unterschiedliche Medien und auch unterschiedliche Haltungen zur Kunst werden hier auf einen Nenner gebracht. Egal ob nun der kommerzielle Gedanke einer Galerie, der museale Charakter einer öffentlichen Institution oder die auf den aktuellen Diskurs und dessen Diskussion bedachte Einstellung eines Künstlerhauses, alle Richtungen werden hier auf einer Präsentationsfläche zusammengebracht und auch verschweißt. Keine sonstigen Formate schaffen es, die diversen Kategorien zusammenzubringen. An dieser Stelle muss auch das Miteinander der teilnehmenden Institutionen gelobt werden, die sich – bei aller Konkurrenz – für drei Tage als geschlossene Kulturoffensive Innsbrucks dem Publikum präsentieren. Dieses Programm ist es, das die Innsbrucker Premierentage von den etlichen verwandten Gallery Weekends und Offenen Tage in anderen Städten abhebt. Dass dabei im Laufe der Jahre ein reger Wechsel stattfindet, kann einer normalen Entwicklung geschuldet werden: Zum ersten Mal wird 2016 die traditionsträchtige Galerie Thoman aussetzen, dafür ist das Landesmuseum Ferdinandeum nach einer kurzen Pause wieder mit von der Partie; ein Entschluss, der im Falle des Landesmuseums ein Schwenk in die richtige Richtung darstellt. Im Grunde kann man in Innsbruck stolz sein auf die zahlreichen, so unterschiedlichen Institutionen, die allesamt die aktive Tiroler Szene mitbestimmen. Nur mithilfe des Zusammenschlusses von Sender (Kunstschaffenden), Inhalt (Kunstwerk) und Empfänger (Publikum) funktioniert das System.

 

Beim Blick auf die Zukunft bleibt weiterhin zu hoffen, dass jedes Jahr aufs Neue der Wunsch aufkeimt, sich zusammenzuraufen, zusammen zu sein und auch zusammenzubleiben, damit ein Format, das die Heterogenität der Szene feiert, auch weiterhin bestehen bleiben kann. Dazu braucht es natürlich auch die Unterstützung aus öffentlicher Hand, begeisterte Aktive, die das Zepter der Leitung in die Hand nehmen und auch ein Publikum, das nicht nur dem Sehen(-und-gesehen-werden) frönt, sondern auch dem aktiven Wahrnehmen. Ein Hoch also auf unterschiedlichste künstlerische Ansichtsweisen, auf das Sehen, das Zuhören, das Kritisieren von und das Sprechen über Kunst – auf Wege zur Kunst, die nur mehr aktiv beschritten werden müssen, damit wir uns nicht mehr fragen müssen: Was passiert, wenn Kunst passiert und keiner geht hin?

Über das Sujet

Dreht es sich um mich oder dreh ich mich um nicht

von Matthias Krinzinger (Sujets) & Sebastian Koeck (Grafische Gestaltung)

 

 

SUJETS Die Premierentage vernetzen unterschiedliche Institutionen und Besucher, deswegen erarbeitete ich drei scheinbar voneinander unabhängige Sujets zum Thema Wege zur Kunst. In einem, die langen Phasen des Selbstzweifels durchsetzenden narzisstischen Moment, beschloss ich, selbst auf allen Fotos abgebildet zu sein – das verbindende Element der drei Sujets. Kurz darauf war ich mir dieser Idee schon nicht mehr so sicher, aber das Budget für Models war schon anderweitig verplant…

 

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NASENBOHREN Ein oft gesehenes Bild: Rückansicht von Menschen im Museum beim Betrachten eines Bildes, aber nie nasenbohrend. Was bedeutet es, sich dieser Tätigkeit hinzugeben? Nasenbohren als Ausdruck kindlicher Gelassenheit in einem scheinbar unbeobachteten Moment? Oder als Beobachter in gelangweilter Erwartung eines unterhaltsamen Spektakels? Egal, der Weg durch die Nase ist immer noch der direkteste ins Hirn.

 

»Er bohrte mit den Fingern tiefer und zog – eine Nase heraus! … Nein das kann ich wirklich nicht begreifen, ich kann es absolut nicht begreifen!« — aus Nikolai Gogols »Die Nase«

 

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A TRIP IN THE DARK Dieses Bild entstand bei einem Spaziergang an der Wasserunterfläche. Durch den ungewöhnlich tiefen Luftdruck sank ich tief in das Gasgemisch ein, glücklicherweise trug ich Gummistiefel.

 

»Die Unterwasserwelt birgt noch viele ungelöste Rätsel« — Universum

 

 

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SMILEY Alltägliche Tätigkeiten bergen ebenfalls das Potential, Weg zur Kunst zu sein. Leichte Abweichungen, wie etwa das Ändern der Fläche der mittäglichen Rasur, ergeben ungeahnte Resultate – es entstand der Smiley.

 

»Kunst ist der verbindlichste Zustand der Vergangenheit in der Gegenwart« — Susan Sontag im Rolling-Stone-Interview

 

GRAFISCHE GESTALTUNG Per Eigendefinition sind die Premierentage kein exklusives Event für eine homogene Künstler- und Sammlermasse. Zwar ist dieses Publikum glücklicherweise jedes Jahr stark vertreten, doch sind die Premierentage vor allem eine Einladung für alle, eben auch Nicht-Künstler, am Kunstgeschehen Innsbrucks teilzunehmen. Um an dieser Stelle einen Neo-Anglizismus zu erschaffen: die Essenz der Premierentage ist dessen highly diverse human capital. Für die grafische Gestaltung 2016 denken wir deshalb in Subkulturen und laden Punks, Metal-Heads sowie Hip-HopCrews gleichermaßen ein, drei ereignisreiche Tage miteinander zu verbringen. Die drei Sujets sollen deshalb die unterschiedlichsten Menschen ansprechen und zum selben Event bringen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Plakate, die in ganz Innsbruck verteilt hängen, als eins verstanden werden oder unterschiedliche Events repräsentieren. Weiters laden wir heuer vermeintliche typografische No-Gos auf unsere Plakate, Programmhefte und Website, ein um einer Kultur des Geht- ja-mal-gar-nicht entgegen – zutreten. Im Idealfall haben wir gestalterische Normen gebrochen und Erfolg damit. Im schlechtesten Fall wird dieser Versuch als Unfug betrachtet, was in unseren Augen einem Erfolg gleichkommt.

 

Die Premierentage sind so heterogen wie ihr Publikum und wollen das auch mit ihrem diesjährigen Auftritt kommunizieren.

Preface

On Art and its Counterpart

by Barbara Unterthurner

 

 

Imagine there is art and nobody shows up … What originally was even considered to serve as a heading, now – probably due to its platitude – has ended up in the lead paragraph. After all, what use is there getting all heated up about high literary models and, more generally, about the subject of the commonplace. On the other hand, why not? For what I really want to say is this: what if art is made and nobody looks at it any longer? But don’t get me wrong, art, and especially contemporary art, is being hyped – and also looked at, most likely. Yet it is not always perceived in the right way. Events such as the Premierentage set out paths to art for us, which we in fact only have to follow in order to perceive with open eyes.

 

GETTING IT TOGETHER. Art, just like festivals such as the Premierentage, naturally depends on ambitious artists, yet also on persons getting involved. Art for art’s sake, successfully ignoring the beholder, is a very romantic concept of the art industry and not in keeping with the times. Unfortunately, however, marketing and the whole brouhaha around the glittering art scene these days are playing much too large a role. Openings and events are degraded into seeing-and-beingseen scenarios, so that some of the visitors would probably find it hard to answer the question as to which artist had actually been presented at the premiere. One was being seen, yet one did not take in. The human factor, as we see, not always plays the positive part in this production. And still art, as well as language, depends on the relationship between sender, content and recipient. Three components that make language, and art, come alive. If one of them is missing, there will be problems. For the whole thing to work what is needed is togetherness. Which also goes for the local art scene – where people got together. In 1998, Elisabeth Thoman and Martin Gostner initiated the Premierentage as we know them today. After similar formats had already been tried in Innsbruck, the duo, following the example of a like-minded festival in Cologne, decided to organise the Premierentage also in the Tyrolean capital. What they were looking for was a format that conformed to a single condition, the premiere. The festival proved a success and the management torch has been passed on from occasion to occasion by various players in the Innsbruck art scene.

 

BEING TOGETHER. In the meantime, the format of the Premierentage has come into its own and for three years running has been in the hands of Anna Fliri and Charly Walter, who have contributed their fair share to this ripening process. This year too there will be a multitude of premieres, which as usual cover a variety of genres. To look for a red thread running through the individual events would be the proverbial search for the needle in the haystack, a highly unrewarding undertaking. For what makes the Premierentage truly special is the heterogeneity of what it has to offer. Everybody will find what they are looking for, and also something, no doubt, that they weren’t expecting. The surprise factor, after all, is part of the nature of a premiere. This year too it is anybody’s guess where the surprise may lurk: perhaps in the delicate works of Christo at km0, in the rediscovery of the works of the great Paul Flora together with the young draughtswoman Gabriela Oberkofler at the Ferdinandeum, in the presentation on local craft businesses at WEI SRAUM, or in the multi-faceted look back on seventy years Tiroler Künstlerschaft. The programme tickles the spirit of discovery in all of us.

 

STAYING TOGETHER. Of course, the Premierentage work not only on behalf of its audience, but also on behalf of art itself. Especially in view of artistic diversity in the land, formats such as these need to be maintained and supported. Various artists, various media, and also various approaches to art are here brought to a common denominator. Be it the commercial impetus of a gallery, the preservative function of a public institution, or the philosophy of a house of artists, focusing on the current discourse and discussion, all these perspectives are brought together here, and also welded together, on a common presentation platform. No other format is able to combine all the different categories. At this point we should also praise the togetherness of the participating institutions which – despite all competition – present themselves to the city’s public as a united cultural front. It is its programme that distinguishes the Premierentage from the many related gallery weekends and open days in other cities. That there should also be constant change over the years as a consequence, seems only natural and part of a natural development. For the first time, in 2016, the venerable Galerie Thoman takes a break, while the Tyrolean State Museum Ferdinandeum, after a short timeout, is back on board (this latter being a turnaround in the right direction). Basically, Innsbruck can be proud of its numerous, and highly diverse, institutions which all do their share in shaping the Tyrolean art scene. It is only by bringing together sender (artists), content (artworks) and recipient (public) that the system can work.

 

Looking forward, we can only hope that those responsible will continue, from year to year, to feel the desire to get it together, to be together, and to stay together, so that a format that celebrates the scene’s heterogeneity will also continue into the future. Which also requires the support of the public purse, enthusiastic actors who carry on the staff, and an audience that not only indulges in seeing (and being seen), but also in actively taking in. Three cheers, therefore, for the most diverse artistic approaches, for looking, listening, and for criticising and speaking about art – and for paths to art that only have to be followed actively in order for us no longer needing to ask ourselves: what happens if there is art and nobody shows up.

About the Subject

Dreht es sich um mich oder dreh ich mich um nicht

by Matthias Krinzinger (Sujets) & Sebastian Koeck (Graphic Design)

 

 

SUBJECTS The Premierentage link up various institutions and visitors, which is why I have worked out three subjects, seemingly independent from each other, on the motto of paths to art. In a narcissistic moment, coming in the middle of long phases of self-doubt, I decided to be visible in all the photos myself – to be the connecting element of the three subjects, as it were. Shortly after, I wasn‘t so sure about the idea anymore, yet the budget for models had already been assigned to other purposes…

 

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NOSEPICKING A picture frequently encountered: the rear view of people at the museum, looking at a picture, but never picking their nose. What does it mean to devote oneself to this activity? Nose-picking as an expression of childlike equanimity in a seemingly unobserved moment. Or is it an observer in bored expectation of an entertaining spectacle? As it may be, the path through the nose still is the most direct path to the brain.

 

»He thrust in, this time, all his fingers, and pulled forth — a nose! … Oh, I cannot under – stand these points — absolutely I cannot.« — from Nikolai Gogol‘s »The Nose«

 

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A TRIP IN THE DARK This picture came about during a walk on the water‘s undersurface. Due to the unusually low air pressure I sank deeply into the mixture of gases. Fortunately, I wore rubber boots.

 

»The world under water still harbours a lot of unsolved mysteries.« — Universum

 

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SMILEY Everyday activities also carry the potential of being paths to art. Slight deviations, such as changing the area of the noontime shave, bring unexpected results — like the smiley.

 

»Art is the most general condition of the past in the present.« — Susan Sontag in the Rolling Stone interview

 

GRAPHIC DESIGN According to their self-definition, the Premierentage are not an exclusive event for a homogeneous mass of artists and collectors. Even though that sort of audience is present in large numbers every year, the Premierentage above all are an invitation to all and sundry, i.e. especially also to non-artists, to take part in Innsbruck‘s art scene. To put it another way, the essence of the Premierentage is its »highly diverse human capital.« For the graphic design in 2016 we therefore think in sub-cultures and invite punks, metal heads as well as hip-hop crews to come and spend three eventful days together. The three subjects are meant to speak to the most diverse people, drawing them to the same event. And it doesn‘t matter, in the process, if the posters, hung all over Innsbruck, are considered as one, or if they represent different events. Moreover, this year, we introduce supposed typographical taboos to our posters, brochures and website, in order to challenge a no-go culture. Ideally, we have thus broken design norms and come out successful. In the worst case, this attempt will be regarded as nonsensical, which in our eyes would be a success too.

 

The Premierentage are as heterogeneous as their audience and also want to communicate this with this year‘s instalment.